René Lehnert, im Netz bekannt als der Sonntagssoziologe, wandelt mit dem Format Denkschaufenster auf neuen Pfaden. Er ist Jahrgang 1973, hat erst was mit Eisenbahnen gemacht, dann noch Abitur und gerade sein Studium der Sozialwissenschaften abgeschlossen.
Hallo René! Danke, dass Du Zeit für uns hast und danke, dass Du so ein freundlicher Mensch bist. [Ich hab René per Email kontaktiert und die ganze Zeit Benedikt genannt. Er hat es mir zum Glück nicht übel genommen] Seit wann gibt es Dein Blog ?
Mein Blog ist eigentlich ein Podcast, also ein Audioblog, eine Art Internetradio zum runterladen. Mit seinem Vorläufer habe ich Sommer 2008 begonnen. In seiner jetzigen Form besteht er seit Februar 2010. Einen normalen Schreib-Blog habe ich bisher nicht betrieben.
Mit welchen Themen beschäftigst Du Dich?
Ich führe 25minütige Interviews mit Personen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur. Obwohl ein Wissenspodcast, geht es mir nicht darum, ein Thema kurz und prägnant darzustellen; überhaupt steht reine Wissensvermittlung nicht im Vordergrund. Vielmehr soll mit nicht alltäglichen Gedanken assoziativ gespielt werden, als fragmentale Einblicke in fremde Geisteswelten. Soweit sich die Gäste darauf einlassen natürlich. Das ist nicht immer der Fall und dann durchaus in Ordnung. Manche Interviewpartner möchten ihr Anliegen möglichst umfassend an den Hörer bringen und wenn es nach mir ginge, würde ich lauter skurrile Fragen stellen und abschweifen. Am liebsten sind mir anspruchsvolle Themen, die etwas abseits der allgemeinen Öffentlichkeit stehen, in denen man sozusagen etwas entdecken kann, auch wenn man nicht alles versteht.
Was war die Inititialzündung für Dich um mit dem Schreiben eines Blogs zu beginnen bzw. überhaupt virtuell aktiv zu werden?
Meinen ersten Podcast „Der Sonntagssoziologe“ startete ich, um zu testen, ob man auch Laien für Soziologie interessieren kann, wenn man es humorvoll verpackt. Ich liebe Wissenschaft, wenn sie mit einem Augenzwinkern daherkommt. Sozusagen als Flirt „Hey, komm her, ich heiße Soziologie, lass uns Spaß haben.“ Man glaubt es ja kaum, es weiß durchaus ein beträchtlicher Anteil von Menschen gar nicht, was Soziologie eigentlich ist. Ungeheuerlich! Das Ganze wurde mir mit der Zeit aber etwas einsam. Die Initialzündung für das Denkschaufenster kam aus dem Fernsehen. Ich schaue leidenschaftlich gern die eigenwilligen 10 vor 11 und Prime Time Sendungen von Alexander Kluge. Das Format habe ich dann für meinen Podcast geklaut.
Aus welchen Gründen hat sich das Bloggen bei Dir zu einer regelmäßigen Tätigkeit entwickelt?
Ich wollte schon ein paar Feed-Abonnenten haben und die bekommt man nur mit regelmäßigen Beiträgen.
Erster Kontakt mit dem Internet?
Ja, wann war das? In einer anderen Zeit? Mein kleinerer Bruder hatte zuerst Internet und ich fragte: “Wozu?”. Eine Frage, die ich heute für Blasphemie halte.
Welche Social Networking Tools nutzt Du regelmäßig?
Ich benutze neben einem Emailprogramm und dem Browser ungewöhnlich wenig zusätzlicher Tools. Ab und zu habe ich ICQ oder Skype laufen. Unterwegs bin ich viel auf anderen Podcastseiten. Auch bin ich gern in unterschiedlichsten Internetforen unterwegs. Was überhaupt nicht geht, ist Twitter. Finde ich furchtbar. Soziologisch bietet es allerdings viel Stoff. Twitter ist wie Telefonieren in der Bahn. Kein Außenstehender versteht, worum es im Gespräch genau geht, weil ja nur einer zu hören ist. Das verursacht bei den Mitreisenden Frust und Ärger. Genauso frustrieren mich Twitterseiten. Ich weiß ohne Vorkenntnisse nie, warum jetzt jemand diesen oder jenen Kurzeintrag twittert. Das ist so schrecklich.
Welche Bedeutung hat das Internet für Dich im Alltag bzw. in Studium und Beruf?
Da ich meine Diplomarbeit über Internetnetzwerke schrieb, hatte das Internet freilich eine essenzielle Bedeutung für mein Studium. Ich frage mich jedoch auch immer wieder, wie die Menschen vor dem Internet überhaupt studieren konnten. Wenn ich wegen jeder Nebeninformation zur Bibliothek hätte rennen müssen, wäre ich zwar körperlich fitter, aber mit dem Studium wäre das wohl nichts geworden. Wie man das damals anstellte ist mir ein großes Rätsel unserer Zeit. Von der Unmöglichkeit, eine Hausarbeit nur mit Schreibmaschine zu schreiben, will ich gar nicht erst anfangen …
Welchen Bedeutung hat das Internet für Dich? Nimmst Du Virtualität als Teil Deiner sozialen Realität und der Wirklichkeit wahr?
Internet ist mein zentraler Kommunikations-Dreh- und Angelpunkt. Ich organisiere alles übers Netz. Für mich ist Virtualität insofern Wirklichkeit, da ohne sie meine Wirklichkeit völlig anders aussähe. Jedoch ist sie für mich kein als Ersatz, sondern ein Bestandteil von Wirklichkeit, beide sind verschränkt. Die subjektive Welt wird größer, da sich der Möglichkeitsraum erweitert. Wählte man früher zwischen drei Urlaubsorten, hat man heute die Wahl zwischen 100 verschiedenen Zielen. Man erfährt mehr und das ermöglicht mehr Teilnahme. Die Welt wird aber auch kleiner, weil man das Gefühl hat, im Internet stünde alles drin und was nicht drin steht, existiere auch nicht. Hinter dem Bahnhof lag früher die große weite Welt. Diese Dimension von Möglichkeit als Phantasie des Erwartbaren geht verloren. Ich kann mir im Vorfeld für jede Kleinigkeit ein ungefähres Bild darüber machen, was auf mich zukommen wird, durch Internetforen, Erfahrungsberichte usw. Die große weite Welt löst sich auf und damit das klassische Abenteuer. Moderne Abenteuer klingen dann so: „Abenteuer Zinsrechnung“ oder „Abenteuer betriebsinterne Kommunikationsstrategien“. Georg Simmel sagte mal, dem Abenteuer wäre es zu Eigen, dass es aus dem Zusammenhang des Lebens herausfällt. Das Internet, der Zugang zu Informationen, ist kein Abenteuer mehr, wenn das Internet einmal eine Woche ausfällt, dann ist das ein Abenteuer.
Auf welchen Seiten treibst Du Dich gerne rum?
Und natürlich Seiten, die mich in meinem Projekt vor allem durch künstlerische Beiträge immerzu heldenhaft selbstlos unterstützten:
http://wissenschaft.wanhoff.de
Welche Seiten oder Blogs hast Du selbst aktuell online stehen?
Ein altes Projekt:
www.sonntagssoziologe.de
Ein Spaßprojekt von mir, für das ich allerdings schon in diversen Kunst-Foren gesperrt wurde:
http://kunst.denkschaufenster.de
Und ein neues, so neu, dass noch nichts drauf ist, aber bald: www.soziale–netzwerkanalyse.de






[...] Lehnert, Sonntagssoziologe, das Gehirn vom Denkschaufenster und neulich bei uns im Blog im Bloggerview “zu Gast”, stellt online seine Abschlussarbeit unter CC-Lizenz zur Verfügung. [...]