“How is the Internet changing the way you think?”
Die Idee, dass die habitualisierte Nutzung des Internet die Art und Weise zu Denken und die Wahrnehmungsorganisation des Einzelnen verändert, ist nicht neu. Dass aber die amerikanische Edge Foundation diese Frage zur “Annual Question 2010″ erhebt, zeigt die Brisanz und besondere Bedeutung des Themas. Gesammelt wurden unter dieser Überschrift Beiträge von namhaften Autoren wie Clay Shirky, Tim O`Reilly, George Dyson und unter anderem auch Frank Schirrmacher.
Die Edge Foundation ist 1988 aus dem Reality Club entstanden – zwischen 1981 und 1996 haben sich unter diesem Label einige der bedeutensten amerikanischen Denker, Intellektuellen und Wissenschaftler regelmäßig in New York getroffen zwecks Austauschs über diverse gesellschaftlich relevante aktuelle Vorgänge und Entwicklungen. Im Januar 1997 wurde der Reality Club reorganisiert und findet sich seitdem als Online Publikation unter dem Namen Edge.org im Netz.
Frank Schirrmacher behauptet in der FAZ, dass die Diskussion um die Frage nach der Veränderung des Denkens in Deutschland noch gar nicht bearbeitet werde und stellt beispielhaft die “Digitale Avantgarde” und deren Anführer (und ehemaligen Werber) Sascha Lobo an den Pranger. Ich will an dieser Stelle nicht in Abrede stellen, dass sich nicht Wenige die Kenntnis vom Umgang mit dem Internet und der Auschöpfung der angeblichen Möglichkeiten von denjenigen, die es sich nach dem jüngsten schwarzen Freitag noch leisten können, versilbern lassen. Aber man möge sich doch bitte an dieser Stelle auch noch mal an Schirrmachers Essay im Spiegel erinnern. Daran, dass er dort beschreibt, wie wenig genehm ihm die permanente Überflutung mit Information durch das Internet ist und seine technikfeindliche Schwarzmalerei. Hat man auch die darauf folgende Spiegel-Ausgabe erworben und kennt Sascha Lobos Antwort auf Schirrmachers Text (alte Männer; Heizdeckenkonversation etc.) , so kann man Schirrmachers versteckten Angriff auf die Berliner Nerds ujm Lobo als ausgesprochen billige Retourkutsche entlarven.
Weiterhin bleibt zu bedenken, dass, selbst wenn Schirrmacher als Kultur-Zar gehandelt wird und in der medialen Öffentlichkeit Diskurse anstößt, er an genau dieser Stelle die Arbeit deutscher Wissenschaftler, die sich zum Teil seit Dekaden mit dem Netz und seinen Auswirkungen beschäftigen, herabwürdigt und unter den Tisch fallen lässt. Schirrmacher vergleicht Äpfel mit Birnen, wenn er die Frage des Jahres 2010, gestellt durch Edge, und Diskussionen in der deutschen medialen Öffentlichkeit inhaltlich vergleicht. Anstatt die zugegebene Substanzlosigkeit um Folgen der Internetnutzung in den Publikumsmedien zu kritisieren, sollte er auf die Leistungen der deutschen Wissenschaftsgemeinschaft verweisen. Sehr sehr schade, dass immer über den großen Teich geschielt werden muss, anstatt die Rosen im eigenen Garten zu würdigen.
Tags: annual question, denken, digitale avantgarde, digitale boheme, dyson, edge.org, faz.net, lobo, o`reilly, reality club, schirrmacher, shirky, spiegel


























