Anna Wassum ist Soziologin und hat ihre Abschlussarbeit über prekäre Einkommes- und Lebensverhältnisse unter Jungakademikern verfasst. Herzlichen Dank für diesen Artikel!
Über weitere Beiträge von Gastautoren würden Thies und ich uns ungemein freuen. Themen könnten, wie hier, Meinungen zur Publikationen sein, internetbezogene Studien und Analysen, interessante Weblinks oder beispielsweise Kommentare zur aktuellen Internetpolitik… Sprecht uns einfach an und schickt uns Euer Material!
Neulich hat Karoline, eine der beiden Macher dieses engagierten Blogs und meine ehemalige Kommilitonin, mich gefragt, ob ich nicht Lust habe, mir noch einmal das 2006 erschienene und zumindest in internetaffinen Kreisen vielbeachtete Buch „Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ von Holm Friebe und Sascha Lobo vorzunehmen und den dort gezeichneten Lebensentwurf abzuklopfen auf seine Anwendbarkeit im Kontext der aktuellen Wirtschaftslage und die mehr als diffizile Arbeitsmarktlage für Jungakademiker. Der vorliegende Text ist meine Entsprechung dieser Bitte, der ich als „Betroffene“, also als frisch graduierte und arbeitsuchende Uniabsolventin, umso lieber nachgekommen bin, als dass mir die Proklamation der Internet basierten Kreativarbeit ohne strukturelle Sicherheit als die einzig legitime, weil der persönlichen Freiheit nicht im Wege stehende Form von Arbeit schon häufiger Bauchschmerzen bereitet hat.
„Digitale Bohème“ ist der von Friebe und Lobo erfundene Begriff für jene, die dem klassischen Büroalltag mit all dem dieser Arbeitsform immanenten Frustpotenzial in Form von unbefriedigenden Hierachieaufteilungen und kollegialen Befindlichkeiten den Rücken gekehrt haben und sich ihr Einkommen lieber frei und mit Arbeit erwirtschaften, die ihnen Broterwerb und Hobby zugleich ist. Das Internet dient ihnen gleichermaßen als Werkzeug, Vertriebsweg, Kundenakquiseplattform und Ideengeber; ihre Öffentlichkeitsarbeit geschieht in Form eines Blogs, ihr privates Adressbuch ist der Account bei einem virtuellen Sozialnetzwerk. Als Büro für ihre Arbeitstage mit 24-stündiger Gleitzeit dient den Mitgliedern der digitalen Bohème das Lieblingscafé mit W-Lan-Zugang. So hangeln sich die digitalen Bohèmians von einem Projekt zum nächsten, richtig reich werden dabei zwar die wenigsten, aber auf eine sozialversicherungspflichtige Festanstellung, so Friebe und Lobo, verzichtet dieser kreative Bevölkerungsteil gerne…Wirklich?!
Die Veröffentlichung von „Wir nennen es Arbeit“ liegt nun grad mal drei Jahre zurück und dennoch wird einem beim Lesen des Buchs heute einmal mehr bewusst, wie lang drei Erdenjahre in der Netzwelt sind. So stellen Friebe und Lobo in ihrem Buch neue Netzphänomene vor, die 2006 sicherlich noch erklärungsbedürftig waren, heute aber bei den weitesten Teilen der angesprochenen Leserschaft zum selbstverständlichen Instrumentarium des täglichen Miteinanders gehören (wie etwa die omnipräsenten Online-Sozialnetzwerke StudiVZ und MySpace) oder die bei Friebe und Lobo prognostizierte Entwicklung letztendlich nicht in dem vermuteten Ausmaß durchlaufen sind (wer ist denn heute eigentlich noch in Second Life unterwegs?). Parallel zur Printausgabe des Buchs hatten die Autoren ein Blog angelegt, um aktuelle Entwicklungen aufzuzeigen und so die vorschnelle Veralterung ihres Werks zu konterkarieren. Die Datierung des letzten Blogeintrags auf den 1. September 2008 kann wohl als – zumindest teilweise – Kapitulation der bunten Ideologie vor der ewig grauen Realität gedeutet werden: Die Zeiten, in denen sich überall „etwas Besseres als die Festanstellung […] allemal [findet]“ (Friebe/Lobo) sind dank Wirtschaftskrise und Rezession vorbei, aktuell stellt es sich für viele Hochschulabsolventen vielmehr so dar, dass sich eigentlich gar keine adäquate Beschäftigung finden lässt. Über stark befristete Projektverträge sind die meisten dankbar, als Ideal der persönlichen Arbeitsorganisation begreift solcherlei Anstellungsverhältnisse jedoch kaum jemand.
„Das Prekäre“, zitierten die Titelautoren des SPIEGEL den Soziologen Ronald Hitzler in Ausgabe 25 vom 15.06.2009, „ist das zentrale Merkmal dieser Generation.“ Gemeint ist die Generation der heute 20 bis 35jährigen, meine Generation und die Sascha Lobos. Wir sind die Generation mit den unsichersten Arbeitsverhältnissen der bundesdeutschen Geschichte, die Generation ohne Rente, die Generation der unbezahlten Hospitanten. Das Prekäre verbindet uns. Holm Friebe und Sascha Lobo haben diesen Aspekt schon vor drei Jahren erkannt und ein Buch daraus gemacht, ein pastellfarbenfröhliches Mantra, welches einem unentwegt einreden will, dass es prima ist, knapp bei Kasse zu sein, so lange man nur macht, was Freude bereitet und man dem Arbeitsmarkt den Mittelfinger zuerst entgegen streckt. Nicht verzagen, lieber „digitale Bohème“ sein und mit künstlerischen Werke(l)n im und um das Internet zu dem Geld kommen, das den Lebensunterhalt sichert. Was in der Theorie großartig klingt, ist in der Praxis die große Schwachstelle an Friebes und Lobos Apodiktum: Außerhalb der Café-Landschaft Berlin Mittes stellt das Leben als „digitaler Bohèmian“ oft genug keine ernährende Alternative zum verteufelten Angestelltendasein dar, heute sogar vielleicht noch weniger als vor drei Jahren. Mit ihrer „Alles-ist-möglich“-Mentalität haben Friebe und Lobo „unserer“ Generation einen Bärendienst erwiesen. Statt Missstände in Form von unfassbar ausbeuterischen Arbeitsverträgen anzuprangern, glorifizieren sie das Leben am Rande des Dispokredits und lassen sich als Generationssprecher durch verschiedene Talkshows reichen. Selbstvermarktungsgenie Lobo tauchte zudem und zum „Entzücken“ seiner Blog-Kollegen vor Kurzem in dem neuen Werbespot des Telefonanbieters Vodafone auf, obwohl Vodafone bereits seine Kooperation in Angelegenheiten des Internet-Filtergesetzes von Familienministerin Ursula van der Leyen zugesagt hatte, wohingegen Lobo das Gesetzt aktiv kritisiert hat.
Bei Wikipedia ist zu lesen, dass sich der Bohèmian zur Legitimation seiner Abkehr von der bürgerlichen Gesellschaft der entfremdeten Arbeit und der Angestelltenverträge einen Stereotyp eines Bürgers schafft, der mehrere verachtete Eigenschaften auf sich vereint. Drei der verbreitetsten Eigenschaften dieser Bürgerstereotype sind Gewinnsucht, Borniertheit und scheinheilige Moralität. Das ist doch interessant.






…noch ein letztes Wort zu Lobos Werbeauftriit bei Vodafone: Wie kann sich jemand, der seines Zeichens Inhaber einer Werbeagentur war und der sich durch unnachahmliche EigenPR selbst als unabhängige Marke aufgebaut hat, durch einen solchen Verkauf des eigenen Konterfeis komplett unglaubwürdig machen. Verstehe ich nicht.