Urban Tribes – Das Phänomen Subkultur

pokemones IINeulich nachts bin ich beim Zappen bei “Tracks” auf ARTE zufällig über einen Beitrag über Pokémones gestolpert. Huh!? Pokémon? Das ist doch so ein kleines flauschiges Tierchen mit ausbaufähigen asiatischen Kampftalenten, oder nicht? Nö. Pokémones sind, auch wenn sie eher außerirdisch aussehen, menschliche Anhänger einer chilenischen Subkultur. Rein äußerlich ähneln sie den europäischen Emos, im Extremfall auch mal einer fleischgewordenen Mangafigur. Aber anders als die so genannten Emos hören sie keinen Metal, Screamo oder Hardcore (das tun die nämlich; hab ich in einschlägigen Foren überprüft), sondern Reggaeton. Das wiederum ist eine ziemlich wilde Mischung aus Reggae, HipHop und lateinamerikanischen Rhythmen. Besonderes Kennzeichen der Pokémones ist, dass sie sich alle ganz schrecklich lieb haben und sich ständig gegenseitig küssen.

Dies alles ist ja schon mal ganz nett und interessant, aber warum wird das hier, auf einer wissenschaftsorientierten Plattform, thematisiert?  Im Kontext unseres Blogs hat mich vor allem fasziniert, dass Pokémones fast schon exzessiv an ihren Onlineidentitäten basteln (4 Millionen chilenische User auf Fotolog!) und die Bewegung durch die Vernetzung der einzelnen Anhänger im Web innerhalb kürzester Zeit, in nur rund zwei Jahren, nationale Verbreitung gefunden hat. Im “Tracks”-Beitrag wird der Pokémones-Bewegung das Label Urban Tribe verpasst. Michel Maffesoli, Professor für Soziologie an der Pariser Sorbonne,  beschreibt urbane Stämme als Netzwerke  heterogener Gruppen von Personen, die durch gemeinsame Passion, Emotion und z.B. einen geteilten Sinn für Ästhetik miteinander verbunden sind. Die aus dem jeweiligen Verbund entstehenden Gemeinschaften sind flüchtig, die Kommunikation ihrer Mitglieder untereinander eher informell. Maffesoli zufolge sind die Mitgliedschaften in den Urban Tribes nicht exklusiv – man könne gleichzeitig mehreren Stämmen angehören. Diese Annahme sollte allerdings nicht unhinterfragt bleiben.

reverend-beat-manBetrachtet man Pokemones oder andere, im Erscheinungsbild verhältnismäßig extreme Subkulturen (Punk, Rockabilly, Visual Kei…), so fällt auf, dass gerade diese Gruppierungen mehr zu sein und mehr zu bieten scheinen als eine bloße, privat zu handhabende, Teilidentität. Die Zugehörigkeit zur Subkultur, deren Werte, Rituale und spezifischer Lebensstil sind primäre Quelle für die Konstruktion der eigenen Identität. Die gefühlte, gezeigte und analog dazu gelebte Mitgliedschaft sprengt den rein privaten Rahmen und wird stolz und mit nonchalanter Selbstverständlichkeit in jede andere Teilidentität, beispielsweise die Berufsrolle, integriert. Das, was vor nicht allzu langer Zeit noch als Unangepasstheit geächtet worden wäre, ist mittlerweile nicht nur gesellschaftsfähig geworden, sondern vielmehr bewunderter Beweis der Authenzität und Unabhängigkeit des Subjekts. Während 1985 Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen noch als revolutionär galt, trägt heute jeder Agenturpopanz T-Shirt und Sneaker zu Meetings und Vertragsabschlüssen. Ich hatte letztes Jahr an Weihnachten zur Bescherung sogar Löcher in der Jeans und meine Mutter hat nur ganz wenig die Nase gerümpft. Warum das so ist? Man würde sich verkleiden, trüge man Anzug und Krawatte oder, in meinem Fall, Bluse und Faltenrock.

Das Individuum war in der Moderne und der beginnenden Postmoderne gefordert, diverse Rollenanforderungen ohne Gesichtsverlust in den verschiedenen gesellschaftlichen Sphären unter einen Hut zu bringen. Die Weigerung sich zu Kostümieren ist zugleich die Verweigerung der Annahme der für die Moderne typischen defragmentierten Identität. Urban Tribes bieten in solcherlei Zusammenhang Identifikationsvorlage und zugleich ideologische oder geistige Heimat. Im sich aus der Zugehörigkeit zu einer Subkultur ergebenden Handlungsrahmen kann sich das Subjekt vollständig fühlen – dem Wunsch nach Anerkennung als individuelle Persönlichkeit wird Tribut gezollt, der Mensch nimmt sich selbst nicht länger nur als funktionsnotwendiges Puzzleteil einer technisierten und anonymisierten Gesellschaftsmaschine wahr.

carriebradshawWelche Rolle hat das Internet in diesem Prozess? Dort eröffnet sich ein Kultur- und Kommunikationsraum (also ein sozialer Raum), der sowohl singulär als auch zusätzlich zur sozialen Wirklichkeit genutzt wird. Sowohl Gruppierungen, die ausschließlich online kommunizieren als auch solche, die die digitalen Kommunikationskanäle durch Cross Communication ergänzend zum RL-Kontakt nutzen, entwickeln Rituale und semantische Codes, die denen archaischer Stammesgesellschaften ähneln. Diese Begegnungen und Zusammenschlüsse wiederum bieten essentiellen Input für die Identitätskonstruktionen postmoderner Individuen und ihrer virtuellen Alter Egos. Michael Wesch, Anthropologe an der Kansas State University, vergleicht Cyberidentitäten mit denen, die in Stammeskulturen gebildet werden: „In tribal cultures, your identity is completely wrapped up in the question of how people know you. When you look at Facebook, you can see the same pattern at work: people projecting their identities by demonstrating their relationships to each other. You define yourself in terms of who your friends are.” (Wright 2007) Insofern wäre zu überlegen, die mittlerweile 30 Jahre alte Definition von Urban Tribes erneut aufzugreifen und deren Gültigkeit zu überprüfen. Im Raum steht mittlerweile nicht mehr nur die Frage nach der Existenz und Bedeutung von Urban Tribes, sondern auch die nach der Emergenz von Virtual oder Digital Tribes. Vorsicht bei der Rezeption dieses Konzepts ist z.B. bei populärwissenschaftlichen Relaunches wie dem von Ethan Watters geboten: urbane Stämme sind bei ihm wenig mehr als Zusammenschlüsse bindungsunwilliger, aber paarungsbereiter Großstädter, deren soziale Bindungen cocktailschlürfend in angesagten Bars ausgehandelt werden. Ich hoffe inständig für Mr. Watters, dass sich das Bild einer männlichen Carrie Bradshaw, das sich mir unwillkürlich beim Lesen seiner Texte aufdrängt, völlig an den Haaren herbei gezogen ist.

Mehr über Pokémones:

Mehr über Urban Tribes und Neotribalismus:

  • Cova, Bernhard / Kozinets, Robert V. / Shankar, Avi (Hrsg.): Consumer Tribes. 2007.
  • Maffesoli, Michel: Le temps de tribus. Le déclin de l’individualisme dans les societés postmodernes. 1988.
  • Watters, Ethan: In my tribe. NYTimes am 14.10.2001.
  • Watters, Ethan: Urban Tribes. Are friends the new family? 2004.
  • Wright, Alex: Friending, Ancient or Otherwise. NYTimes am 2.12.2007.

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

This entry was posted on Freitag, Juni 26th, 2009 at 11:55 and is filed under Soziologie. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

 

One Response to “Urban Tribes – Das Phänomen Subkultur”

  1. UrbanTribes - Feldforschung zur Subkultur | Internet Gesellschaft Says:

    [...] Zeit. Damit bin ich auch schon beim Thema; in der letzten Woche habe ich einen Artikel über Urban Tribes veröffentlicht und konnte meinen eigenen Erfahrungen mit urbanen Stämmen noch einige [...]

Leave a Reply