In der letzten Woche war ich dazu eingeladen einen Vortrag auf der Konferenz: “Migration, Internet und Politik. Potentiale für Partizipation, Kommunikation und Integration” zu halten. Auf den Vortrag will ich hier nicht weiter eingehen, da er in absehbarer Zeit veröffentlich werden wird. Bisheriger Arbeitstitel: Migranten und virtuelle Gemeinschaften. Gemeinschaft als analytischer Begriff im Feld der politischen Teilhabe.” Wichtiger ist es mir auf die interessanten Perspektiven einzugehen, die sich für die Frage der gesellschaftlichen Folgen des Internet auf diesem Forschungsgebiet ergeben.
Veranstaltet wurde die Konferenz von Kathrin Kissau und Uwe Hunger vom Institut für Politikwissenschaften der Uni Münster. Ihr Forschungsprojekt “Politische Potentiale des Internet”, in dem sie die virtuelle Diaspora russischer und türkischer Migranten in Deutschland untersucht und den politischen Einfluss dieser Sphäre diskutiert haben, bildete den Rahmen der Veranstaltung, in deren Verlauf die Ergebnisse des Forschungsprojekts mit Referenten aus Ethnologie, Soziologie, Politk-, Kommunikations- und Medienwissenschaften diskutiert wurden.
Schnittpunkt aller Vorträge und Diskussionen waren die von Kissau und Hunger vorgeschlagenen Nutzertypen, die transnationale online Gemeinschaft, die ethnische online Öffentlichkeit und die online Diaspora. Diese haben sie auf der Grundlage von Nutzer- und Anbieterbefragungen sowie der Inhaltsanalyse zentraler Internetangebote von und für russische und türkische Migranten in Deutschland entwickelt. Auch wenn die vorgestellte Typologie in dieser Form kritisiert wurde, tauchten deren begriffliche Elemente in fast allen Beiträgen der Konferenz als zentrales Merkmal der Internet- und Mediennutzung von Migranten auf. Für mich sind diese Begriffe - Transnationalität, Öffentlichkeit und Gemeinschaft - Synonyme für Formen des gesellschaftlichen Wandels der nicht zuletzt durch internetgestützte Kommunikation ermöglicht wird.
An erster Stelle ist dabei der Begriff der Transnationalität zu nennen, der die Vernetzung von Migrantengruppen über den den Kontext des Aufnahme- und des Herkunftslandes hinaus beschreibt. Aus dieser Perspektive gesehen bildet das Internet einen lokal nicht begrenzten Raum, in dem soziale Kontakte und Diskurse, in und zu verschiedenen Aufnahmeländern, den Erhalt und die Konstruktion einer auf das Herkunftsland bezogenen Identität ermöglichen. Dabei werden solche transnationalen Räume nicht allein durch die Nutzung des Internet gebildet, sondern auch durch Kommunikation über Telefon und Mobilfunk sowie durch internationale Verfügbarkeit von TV Programmen und Zeitungen ermöglicht. Transnationalität steht damit für Möglichkeit der Übertragung vormals lokal gebundener sozialer Koordinationssystem auf die räumlich ungebundene Struktur des Internet.
Unter dem Schlagwort Öffentlichkeit lassen sich dagegen Strategien der Internetnutzung fassen, die ein unmittelbareres politisches Potential haben, als die unter dem Label Transnationalität diskutierten Prozesse. Wie das Beispiel der türkischen Migranten in Deutschland zeigt, bieten Blogs (z.B. jurblog) und community Plattformen (z.B. vaybee) eine Möglichkeit, Standpunkte und Anliegen kleinerer Gruppen zu artikulieren, die von klassischen Medien kaum publiziert werden. Auch wenn durch das Internet so nur Teilöffentlichkeiten erreicht werden, in diesem Fall die Türken in Deutschland, bietet es Akteuren mit wenig finanziellen, personellen und organisatorischen Ressourcen die Möglichkeit, selbstständig eine eigene Öffentlichkeit aufzubauen. Ob und wie durch eine solche eigene Öffentlichkeit auch Anschluss an eine allgemeine Öffentlichkeit erreicht wird, hängt sicher von den situativen Bedingungen ab. Möglich ist es aber, wie der Untertitel des Jurblog “Zitiert vom Bundesverfassungsgericht & Deutschen Bundestag” andeutet. Mit dem Schlagwort Öffentlichkeit werden also mit dem Internet verbundene Dezentralisierungsprozesse angesprochen. Die Vermittlung von Informationen ist damit nicht mehr an zentrale Vermittlungsstellen wie z.B. Zeitschriften gebunden.
Der Begriff der Gemeinschaft stellt für mich kein ursächlich auf das Internet bezogenes Phänomen dar. Auch wenn Begriffe wie virtual community oder online Gemeinschaft dies suggerieren können. Gemeinschaft, aus einer analytischen Sicht betrachtet, ist ein soziales Koordinationssystem, dass auch das Internet als Kommunikations- und Repräsentationsraum nutzen kann. Der eigentliche Bezugspunkt von Gemeinschaft ist jedoch das, worüber man sich austauscht. Ein gemeinsames, identitätsstiftendes Merkmal, das Zugehörigkeit und Beziehungen ermöglicht. Bleiben wir beim Beispiel der Türken in Deutschland, kann die Erfahrung des “Türkisch Seins” in Deutschland ein solches Merkmal darstellen. Auch wenn das Internet kein Bezugspunkt für Gemeinschaft ist, scheint es aus zwei Gründen Prozesse der Vergemeinschaftung zuträglich zu sein.
Zunächst ermöglicht es eine dauerhaft und vielfältige Repräsentation von Kommunikationsprozessen. Dies macht eine zeitlich asynchrone Beteiligung an Diskursen über die gemeinsamen Bezugspunkte möglich. Weiterhin lässt sich aus der thematischen Vielfalt der Kommunikation auf Plattformen wie vaybee ableiten, dass hier Diskurse geführt werden können, die verschiedenste Lebensbereich betreffen. Daraus lässt sich meiner Meinung nach schließen, dass sich im Internet die Möglichkeit ergibt, ähnlich wie in lokalen Räumen der Vergemeinschaftung (z.B. Dörfer und Vereine), Zugehörigkeit zu erkennen und an Diskursen über die diese Zugehörigkeit ermöglichenden identitätsstiftenden Merkmale teilzunehmen.
Der zweite Grund warum das Internet Prozessen der Vergemeinschaftung zuträglich ist, lässt sich aus dem Modus der sozialen Koordination von Gemeinschaft ableiten. Gemeinschaft benötigen im Gegensatz zu Koordinationsmechanismen wie Organisation oder Markt keine unabhängig vom eigentlichen Inhalt zu schaffenden hierarchischen Instanzen oder Marktplätze. Sie bezieht sich auf die gemeinsame Abhängigkeit ihrer Mitglieder vom identitätsstiftenden Merkmal, sowie auf die durch die gemeinsame Identität geteilten Werte und Normen. In modernen Gesellschaft besteht jedoch geradezu eine Notwendigkeit, sich als Organisation zu formieren, um als Akteure im politischen Feld agieren zu können. Gemeinschaft scheint die Beständigkeit, Verlässlichkeit und Zurechenbarkeit die von politischen Akteuren gefordert wird, nicht zu bieten. Gleichwohl kann man davon ausgehen, dass Gemeinschaft und Organisation sich hier nicht gegenseitig ausschließen. Zwar ist das nach außen sichtbare Koordinationssystem die Organisation, Gemeinschaft bleibt aber als unsichtbarer, normativer Unterbau vorhanden. Das Internet bietet dagegen einen Raum in dem Gemeinschaft nicht eines organisatorischen Überbaus bedarf, um als politischer Akteur wahrgenommen zu werden. Dies lässt sich durch erklären, dass, das Internet an sich eine Infrastruktur für den Austausch und die Dokumentation von Informationen ist. Wer diese nutzt, braucht dafür keine eigene Organisation aufzubauen. Damit ist Gemeinschaft über das Internet nicht auf eine organisatorische Unterstützung angewiesen um eine politische Öffentlichkeit zu erreichen und bleibt als Koordinationssystem sichtbar. Übertragen wir das Gesagte wieder auf das Beispiel der Türken in Deutschland, so stehen auf der einen Seite Organisationen wie DITIP und auf der anderen Seite Websites wie jurblog oder vaybee. Alle beziehen sich auf das identitätsstiftende Merkmal der türkischen Herkunft ihrer Mitglieder. Doch nur im zweiten Fall bleibt der Koordinationsmechanismus im Vordergrund die Gemeinschaft.
Gemeinschaft weist demnach darauf hin, dass das Internet Möglichkeiten der Kommunikation und Repräsentation bietet, die nicht auf Organisation angewiesen sind sonder auf Gemeinschaft als primären Koordinationsmechanismus zurück greifen können.
Neben den anregenden Inhalten der Veranstaltung hat mir auch das Konzept des gesamten Forschungsprojektes sehr gut gefallen. Neben der Forschungsarbeit, wurde das Projekt durch ein Forschungsseminar begleitet, in dem Studierenden eigene Forschungsprojekt entwickelt haben. Auch diese wurde auf der Konferenz präsentiert. Einige der Projekte machten einen sehr guten Eindruck. Gleiches gilt für die Internetseite des Projekts, die die Ergebnisse und Arbeitsschritte sehr gut dokumentiert.
Thomas Dierschke
















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