„Ich muss online sein“ – Die Sucht nach dem Internet

Feb 26 2008 Published by under Studentenbeiträge, Vorlesung

Man sieht ihnen an, dass sie tagtäglich ihre Zeit zumeist vor dem Computer verbringen: Tief liegende Augen, eine blasse Gesichtfarbe, unreine Haut, nicht selten zitternde Hände. Schätzungen zufolge sind etwa eine Million Deutsche internetsüchtig. Tendenz steigend. „Wie wandelnde Leichen“ titelte jüngst der Spiegel. Noch gibt es keine einheitliche Definition von Internetsucht, Experten sind sich jedoch über wesentliche Merkmale einig: Neben oben genannten äußeren Warnzeichen, verlieren Internetsüchtige zumeist jeglichen sozialen Kontakt zu ihren Mitmenschen, sie isolieren sich und verlieren mit der Zeit die Fähigkeit, neue Kontakte wiederaufzubauen. Sie bewegen sich unsicher im täglichen Leben. Ihre Pflichtwahrnehmung ist völlig verrückt; regelmäßig zur Arbeit zu erscheinen, Amtsbesuche, das regelmäßige Zahlen von Rechnungen etc. tritt in Hintergrund angesichts des Bedürfnisses, ständig online sein zu müssen. Weiter können schwerwiegende physische Beschwerden auftreten: Verspannungen durch falsches Sitzen bis hin zu Genickschädigungen oder Sehschäden durch andauerndes Starren auf den Bildschirm sind nur zwei davon.


Die Ursache hierfür ist in der Attraktivität des Internets durch die vielen neuen Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Vor allem das Experimentieren mit der eigenen Identität und das Fliehen vor der Realität spielen hierbei eine wesentliche Rolle.
Das Fliehen vor der Realität kann das Fliehen vor persönlichen Problemen bedeuten. Die Betroffenen haben zumeist Probleme mit sich selbst, etwa Minderwertigkeitskomplexe. Sie fühlen sich als Stigmatisierte, fühlen sich darum nicht integriert und akzeptiert in der Gesellschaft und haben deshalb Probleme mit der Kontaktaufnahme zu anderen Menschen. Im Klartext heißt das, dass verborgene Wünsche in der Realität nicht erfüllt werden, und der Internetsüchtige darum als Kompensation hierzu sich selbst in virtuellen Räumen neu darstellt und nach Anerkennung sucht. Im virtuellen Cyberspace können Internetsüchtige beliebig mit der eigenen Identität „spielen“ und sich so neu erfinden, in neue Rollen schlüpfen (z.B. beim „gender switching“, dem Geschlechtertausch), so dass es ihnen leichter gelingt, den gesellschaftlichen Kriterien für soziale Anerkennung zu entsprechen.
In vielen Internetforen ist es normal, dass Beiträge von Usern bewertet werden; wer viele gute Bewertungen erhalten hat, wird auch als beliebtes Mitglied akzeptiert. Wer weiß, wie er sich in solchen Foren zu verhalten hat, erlangt schnell einen bestimmten Bekanntheitsgrad. Online-Communities organisieren sich zumeist nach den selben Strukturen, wie sie uns im täglichen Leben begegnen: Wer beispielsweise in online Rollenspielen die richtigen Leute kennt, wird schneller Anschluss an eine Cyber-Clique finden. Damit gerät er jedoch gleichzeitig in einen Teufelskreis, denn ist man einmal in einer solchen Clique akzeptiert, wird von einem erwartet, regelmäßig eine bestimmte Zeit „on“ zu sein. Internetsüchtige verbringen darum viel Zeit damit, sich in solchen Communities so darzustellen, dass sie dort Akzeptanz und Beliebtheit erlangen. Eben genau jene Dinge, von denen sie das Gefühl haben, sie im realen Leben nicht erlangen zu können.
Eine Therapie gegen die Internetsucht gestaltet sich jedoch momentan noch schwierig. Die Krankenkassen bezahlen diese nicht, da die Internetsucht noch keine eigene psychiatrische Diagnose ist. Experten streiten sich seit längerem darum, ob die Internetsucht tatsächlich eine eigene Krankheit ist, oder nur ein Symptom, das andere Diagnosen verdeckt oder überlagert. Der Spiegel berichtet, dass Bert te Wildt, Mediziner der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, in einer ausführlichen Studie mit Internetsüchtigen entdeckte, dass 80 Prozent der Probanden unter depressiven Syndromen, Angsterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen litten, die auch schon vor der Internetsucht vorlagen.

von Christina Tock

In loser Reihenfolge schreiben die Studenten des Seminars “Gesellschaft im Netz: Soziologische Betrachtungen und Perspektiven” (IfS Münster, WiSe 2007/08) Beiträge für diesen Weblog.

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