Dass sich soziale Beziehungen in der realen und in der virtuellen Welt durchaus unterschiedlich gestalten, ist bekannt. Tritt man in der Realwelt in einem face to face-Kontakt mit seiner wirklichen, physischen Erscheinung auf, so lässt das Internet Raum und Möglichkeit in eine neue und vermeintlich bessere oder eine andere Identität zu schlüpfen. Dieser Unterschied kostete in Missouri, USA, einer 13jährigen das Leben. Erst ein Jahr später berichtete die regionale Tageszeitung von dem tragischen Vorfall. Die Leserschaft des Blattes zeigte sich entrüstet und tief betroffen, denn ohnmächtig scheint man negativen Machenschaften übers Internet ausgeliefert zu sein. Diskussionen entbrannten über die Notwendigkeit einer stärkeren Überwachung des Netzes und Möglichkeiten juristischer Ahnung.
Zurück zu dem traurigen Vorfall: Der Teenager Megan, übergewichtig und depressionsgefährdet, hatte sich mit einer Freundin aus der Nachbarschaft zerstritten. Besagte Freundin und deren Mutter bauten deshalb zusammen mit einigen anderen Leuten in MySpace das Profil eines jungen Mannes auf, mit dem Ziel sich an der ehemaligen Freundin zu rächen und sie zu demütigen. Als sich Josh Evans, wie der fiktive, 16jährige User genannt wurde, für den Teenager interessierte, erklärte sich Megans Mutter mit der Internetbekanntschaft einverstanden. Sie prüfte zuvor sein Auftreten im Netz, hielt ihn für gut und anständig, sodass Megan ihn zu ihrer Freundesliste adden durfte. Als sich Megan dann in den jungen Mann verliebte, ließ die ehemalige Freundin ihrer Rache in Gestalt von Josh freien Lauf: Der angebetete Junge beleidigte und demütigte Megan im Chat, weil sie angeblich böse sei und schlecht mit ihren Freunden umginge. Andere MySpace-User stimmten ein, belegten sie, von „Josh“ manipuliert, mit üblen Schimpfworten und entlarvten ihr Profilfoto als Fälschung. Megan, die zu dem Zeitpunkt alleine zu Haus war, ging daraufhin in den Keller und erhängte sich.
Eine Schuldeinsicht sucht man bei den Verursachern vergebens, man spricht von „Spaß“ und „Streich“, allerhöchstens von „ein bisschen schuldig“. Das depressive Mädchen hätte sich eh irgendwann umgebracht.
Auf den Fall anwendbare Gesetze existieren noch nicht. Der Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit hat sich deshalb einen eigenen Weg gesucht. Namentlich, mit kompletter Anschrift und sogar einem Kartenausschnitt von Google Earth werden die Anstifter unter rottenneighbor.com aufgeführt. Trotz starken Mitgefühls mit den Eltern hätte ich persönlich bei einem juristischen Verfahren ein weitaus besseres Gefühl als bei dieser neuen Art der Selbstjustiz.
von Angelika Reschke
—
In loser Reihenfolge schreiben die Studenten des Seminars “Gesellschaft im Netz: Soziologische Betrachtungen und Perspektiven” (IfS Münster, WiSe 2007/08) Beiträge für diesen Weblog.






Liebe Frau Reschke,
inwiefern eine Internet Identität so besonders neu oder anders ist als die, die man ohnehin hat, darüber lässt sich wunderbar diskutieren. Ich bin, analog zu den Ausführungen von Herrn Metzner-Szigeth, der Meinung, dass die Cyberidentität je nachdem, ob sie für ein Onlinespiel o.ä. oder als Entsprechung zur “Realidentität” konstruiert wird, um Handlungsfähigkeit im Netz-Medium überhaupt zu gewährleisten, weniger oder mehr Anteile der eigenen und vor allem dem einzelnen Individuum bewussten Identität hat und die Cyberidentität insofern weder “neu und vermeintlich besser” noch “anders” ist, und auch nicht wahr, wahrhaftig oder auch falsch, sondern einfach nur ein weiteres Identitätsfragment des Subjekts in der differenzierten Postmoderne.
LG
Im Übrigen finde ich den Artikel hochinteressant, weil deutlich wird, wie wichtig es ist den richtigen Umgang mit Medien zu erlernen und dass Kinder nicht mit dem allein gelassen werden, was ihnen im Netz begegnet bzw. wiederfahren kann. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass auch Eltern sich mit mit Medienformaten und vor allem ihren -inhalten auseinandersetzen, damit sie überhaupt in der Lage sind ihren Kindern eine kritische und differenzierte Nutzung neuer Medien vorzuleben und diese zugleich bei ihren ersten Schritten im Moloch Internet zu begleiten.