Vortrag: Wissen für alle? Ist die Wissensgesellschaft Mythos, Ideologie oder Realität? Dossier bei “Iley”
Jan 20

„Cybermobbing“ im Schüler VZ – ein altes Phänomen in neuem Medium oder erhält Mobbing im Web2.0 wirklich neue Dimensionen?

Jeder kennt das Phänomen, dass es in praktisch jeder Schulklasse einen, oder ein paar, Außenseiter gibt. In der Regel werden diese Tag für Tag von einzelnen Klassenkameraden gehänselt, verarscht, gedemütigt und in besonders schlimmen Fällen auch körperlich drangsaliert. Der Großteil der Mitschüler bleibt still und schaut zu, lacht mit, oder beteiligt sich sogar an den Späßen auf Kosten des Opfers. Wehren können sich die Betroffenen in der Regel selber nicht, sonst wären sie ja nicht in der Opferrolle. Viel machen kann man als Betroffenener da nicht, aber immerhin gibt es in der Schule Lehrer, an die man sich, mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten, hilfesuchend wenden kann.

Häufig bleibt es dabei, dass das Mobbing im Unterricht durch den Lehrer unterbunden wird, aber auf dem Schulhof, wo die Schüler kaum oder sogar unbeaufsichtigt sind, ungehemmt weiter betrieben wird. Dieser Schulhof ist nun seit einiger Zeit massiv erweitert worden, da die Schüler in Deutschland inzwischen mehrheitlich in sozialen Netzwerken wie z.B. Schüler VZ, Schüler CC und anderen, organisiert sind. Am beliebtesten ist derzeit das SchülerVZ, welches im Februar 2007 als Ableger des Studi VZ gegründet wurde und momentan ca. 890.000 Nutzer hat. Nicht nur ganze Klassen, sondern inzwischen sogar schon ganze Schulen sollen dort als Unternetzwerke bzw. Gruppen vertreten sein. Der Zuwachs ist enorm, ebenso wie der Gruppenzwang sich anzumelden, wenn man in seiner Klasse „dazu“ gehören und nicht etwa zu einem Aussenseiter werden will. Natürlich wird im Schüler VZ in vielen Gruppen neben dem normalen „netzwerken“ auch viel gelästert, z.B. auch über Lehrer und Aussenseiter in der Schule. Die Betreiber der Seiten unternehmen in der Regel höchstens auf konkrete Beschwerden über Diffamierungen etwas, und löschen den betreffenden Diskussionseintrag. Im Prinzip seien sie aber für die Inhalte nicht verantwortlich. Der Fall einer 13 jährigen Schülerin, welche die achte Klasse eines Kölner Gymnasiums besuchte und über deren Leidensweg das Online-Portal des Kölner Stadt-Anzeigers am 30.11.07 unter dem Titel „Du hast keine Freunde mehr“ berichtete, zeigt besonders deutlich, wie sich Mobbing unter Schülern durch die neue Vernetzung gewandelt hat. Das betroffene Mädchen war ursprünglich ganz normal in die Klasse integriert und hatte innerhalb der Klasse durchaus Freundinnen. Nur durch Zufall entdeckte sie irgendwann, dass ein Mädchen aus einer anderen Schule, welches sie flüchtig kannte, eine Gruppe gegen sie gegründet hatte, in der über sie gelästert wurde und sogar manipulierte Photos von ihr veröffentlicht wurden. Später wurde sie zudem noch täglich mit mehr als nur unfreundlichen Nachrichten auf ihrem Account bombardiert. Schnell wuchs diese Gruppe an, bis schließlich auch ihre gesamte Klasse, inklusive ihrer bisherigen Freundinnen, dabei waren und sie nun auch in der Schule gemieden und gemobbt wurde. Nach mehreren Beschwerden löschten die Betreiber die Gruppe zwar, ein paar Tage später wurde die Gruppe allerdings unter ähnlichem Namen neu gegründet. Auch Beschwerden der Eltern bei den Lehrern brachten keinen Erfolg, da die Lehrer das Schüler VZ nicht als Zuständigkeitsbereich der Schule ansahen. Sie boten lediglich an, ein Treffen mit der Gruppengründerin zwecks Aussprache zu organisieren, was aber auch keinen Effekt hatte. Die einzige Möglichkeit dem Mobbing zu entfliehen war, auf eine andere Schule zu wechseln. Dies ist inzwischen kein Einzelfall mehr und es soll sogar schon vorgekommen sein, dass ehemalige Mitschüler, die neuen Mitschüler eines Schulwechslers, über dessen Stand in der alten Schule informiert und zu neuem Ausgrenzen angestachelt haben. Ich persönlich denke nicht dass die Schulen in Zukunft weiter die Augen davor verschließen können, dass es sich bei Netzwerken wie dem Schüler VZ praktisch um eine virtuelle Erweiterung des Schulhofs handelt. Natürlich können Schulen nicht verantworlich für solche Netzwerke sein, aber Medienkompetenz und Medienethik in Bezug auf soziale Netzwerke sind meiner Meinung nach längst überfällige Inhalte, welche im Schulunterricht bisher zuwenig behandelt werden.

von Philipp Modlich

In loser Reihenfolge schreiben die Studenten des Seminars “Gesellschaft im Netz: Soziologische Betrachtungen und Perspektiven” (IfS Münster, WiSe 2007/08) Beiträge für diesen Weblog.

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